Selbstbildnis in jahrtausendealter Technik

Ich hatte vor kurzem bereits angedeutet, daß sich neue Dinge am Horizont abzeichnen. Das zeigt sich einerseits thematisch und andererseits technisch, genauer maltechnisch und darüber will ich heute berichten. Ausgangspunkt hierfür bildet allerdings eine Idee für die Bildhauerei. Den bildhauerischen Strang werde ich zu gegebener Zeit beschreiben.

Im Moment bleiben wir bei der Malerei. Die Freskotechnik ist dem interessierten Leser sicher als Begriff geläufig, ohne daß genaue Finessen dieser Art der Malerei bekannt sind. Fresko ist eine für deutsche Zungen aussprechbare Ableitung des italienischen Begriffs affresco (frisch) und meint nichts anderes als die Aufbringung einer Malerei auf den frischen Putz einer Hauswand oder Mauer. Es ist demzufolge und im Gegensatz zur Tafel- eine Wandmalerei. Neben der Fresko- gibt es diverse Techniken der Seccomalerei. Hierbei bezieht sich trocken auf die bereits abgebundene Wandfläche. Seccotechniken wiederum können in leicht variierter Rezeptur für Tafelmalereien genutzt werden. Exakt das habe ich im vorliegenden Selbstbildnis gemacht. Da jede Maltechnik ihre eigene Grundierung voraussetzt, habe ich im Oktober oder spätestens November zweitausend­vierundzwanzig angefangen Holztafeln zunächst für eine Borax-Kasein- und später eine Kalk-Kasein-Malerei zu grundieren. Allein die Kunst des Grundierens ist eine aufwändige und damit zeitbeanspruchende. Ich wollte von Anfang an einen Malgrund, der eine wandputzähnliche Oberfläche besitzt. Zu diesem Zweck mischte ich Marmorsand in die letzte Grundierschicht ein. Bei Wehlte – das ist die Bibel für Maltechniken und entspricht dem Stellenwert von Bammes für Künstleranatomie – las ich, daß bereits Borax-Kasein wasserunlöslich ist. Bei mir stellte sich das Gegenteil ein, weshalb ich den ersten Malversuch dreimal zwischenfirniste und danach als Ölmalerei weiterbetrieb. Meine ungeduldige Neugier, drängte mich nun mit Kalkkasein weiterzuarbeiten. Da mich andere Verpflichtungen im Zaum hielten, schimmelte mein erster Ansatz der Emulsion und drei meiner Farbpigmentteige innerhalb von zwei Wochen. In Handarbeit hatte ich beides an nicht weniger als zwei vollständigen Arbeitstagen angemischt. Um diese Erfahrung war ich reicher, denn diese Tage waren dahin, ohne daß ich ein Ergebnis vorweisen konnte. Das sollte mir beim nächsten Mal nicht passieren und so kam es, daß ich gestern nach langem Bürotag erst gegen sechzehn Uhr meine Kalkkaseinpalette einsatzbereit hatte.

Bei den ersten Pinselstrichen zweifelte ich, ob es eine so gute Idee sei, mich wieder einmal auf unbekanntes Terrain zu begeben. Der bereits erwähnte Kurt Wehlte schrieb 1967 in Werkstoffe und Techniken der Malerei, daß die meisten Maler diese Technik scheuen. Man kann sich nämlich nicht der kompletten Pigmentpalette bedienen wie sie der Öl- oder Gouachemalerei zur Verfügung steht. Möglich sind nur kalkbeständige Pigmente. Hinzu kommt der immense Aufwand für Grundierung, Bindemittel und das Anreiben der Farben nebst der begrenzt möglichen Korrekturrunden am Bild. Es kann nicht unzählige Male übermalt werden. Dafür ist die Malschicht zu spröde. Die kurze Haltbarkeit der Farben tut ihr übriges um den Arbeitszeitraum einzugrenzen. Einmal angeriebene Farben können nur an einem Tagwerk verarbeitet werden und auch das Bindemittel, das ausschließlich aus natürlichen Zutaten besteht, hat eine absehbare Halbwertszeit. Alle diese Charaktereigenschaften einer Kalk-Kasein-Malerei, zählen viele Kollegen meiner Zunft den Nachteilen zu und nutzen sie deshalb nicht. Zu Unrecht, wie Wehlte befindet und ich bestätige. Es ist eine feine Technik, der man sich mit Gespür für Farbe nähern muss.

Nachdem ich mich an die völlig andere Malweise gewöhnt hatte, schlug meine Skepsis in Freude um. Damit hatte ich etwas aufgetan, das meine Möglichkeiten um ein Vielfaches erweiterte. Das Herrliche an dieser Jahrtausende alten Technik ist u.a., daß wenn man sie als Wandmalerei nutzt, diese offenporig bleibt, Luftfeuchtigkeit also in beide Richtungen ungehindert hindurch kann. Acryl- oder Ölbasierende Wandfarben verkleben das organische Gebilde einer Wand. Zudem bleibt die verklebende Farbe eine Schicht an der Oberfläche. Kalkpigmentfarben verklammern sich mit dem Wandputz, der idealerweise ein Kalkputz ist. Noch dauerhafter sind nur reine Freskomalereien, die eine Einheit mit dem Putz bilden. Um es nochmal zu erwähnen, diese Technik habe ich – sie ist nicht meine Erfindung – in meine Tafelmalerei übertragen. Begonnen habe ich mit einem Karton als Vorzeichnung für ein Selbstbildnis. Ich war für das Durchstechen der Konturen und Pigmentpudern derselben dann doch zu ungeduldig – bei Fresko wäre anders nicht möglich – und so übertrug ich ein paar wenige Hauptlinien auf die gleiche Weise wie man bewegten Figuren im analogen Zeichentrickfilm auf dem Papier Leben einhaucht: Ich legte das zu kopierende Papier darüber und blätterte vor und zurück um den neuen Strich mit dem darüber liegenden zu vergleichen. Den Rest ergänzte ich mit geübtem Blick aus freier Hand. Darauf folgte der eigentliche Malvorgang. Der, auf den ich mich die ganze Zeit freute.

Eines der Fotos zeigt meine Palette. Man sieht im Vergleich zu meinen Ölpaletten ein begrenzteres Farbspektrum. Und schließlich nutzte ich ein Handvoll Pinsel, die alle bis auf den kleinen Spitzpinsel für Freskozwecke gedacht sind. Mein Lieblingspinsel darunter ist der florentinische, der nach alter Weise für Freskopinsel nicht mit Metallzwinge, sondern mit festem Garn gebunden ist. Als ungewöhnlich empfand ich die langen Borsten, die wider Erwarten sehr weich waren. Sie erinnerten mich an meine Anfangszeit als Malschüler und transportierten mich zurück in das Wohlgefühl meiner freudigen Anfangsjahre. Meine ersten Malpinsel waren aus Schweineborste. Wie sich schließlich Pinsel und Farbe auf der Fläche verhalten würden, wußte ich nicht. Trocknet sie schnell und muss ich die Tonwerte genau mischen bevor ich sie als Farbfleck gezielt auf dem Malgrund zu einem Bild zusammensetze oder trocknet sie langsam und kann ich auf der Fläche den finalen Wert suchen? Doch nach ersten zaghaften Pinselstrichen, mischte ich genauso routiniert die wässrige Verbindung aus Emulsion und Pigmentbrei, wie ich es von meinen Ölmalereien gewöhnt bin und setzte das Bild Stück für Stück zusammen.